Das Vermächtnis der alten Friesen
Um ehrlich zu sein: Ich habe mich nie sonderlich für Geschichte interessiert. Jahreszahlen und historische Fakten waren mir meistens viel zu trocken. Doch an diesem Morgen vor dem Laptop war alles anders. Ich habe diese Erzählungen, die mir meine Oma näherbrachte, immer als eine Art Märchen angesehen und bin erstaunt, wie viele geschichtliche Fakten sich darin wiederfinden. Omas Erzählung vom Volk am Meer ging mir einfach nicht mehr aus dem Kopf. Plötzlich wollte ich mehr wissen. Ich fing an zu suchen – und stieß auf die faszinierende Wahrheit hinter ihren Worten. Das nachfolgende Wissen, das ich hier kurz zusammengefasst habe, entstammt meinen Recherchen und den Gedanken von Menschen, die sich mit dieser Historie intensiver befasst haben. Da diese Zeit, die viele Jahrhunderte zurückliegt, auch ein Mosaikstein meiner eigenen Abstammung ist, greife ich dankbar auf dieses Fremd Wissen zurück.
Magna Frisia: Der Kampf um den Glauben
Der Volksstamm der Friesen ist an der niederländischen und deutschen Nordseeküste beheimatet. Ihre Sprache war das Altfriesische, das als Vorläufer der modernen friesischen Sprache gilt. Bereits in der frühen Antike – das heißt schon um 800 v. Chr. – wurde die Existenz friesischer Stämme belegt. Das Volk am Meer lebte vom Torfabbau, der Salzgewinnung und dem Fischfang. Ihre Netze flochten sie aus Schilf und Binsen, denn das karge Land wies kaum Vegetation auf. Sie hatten ihren eigenen Glauben, der tief mit der Natur verwurzelt war, und so wehrten sich die Friesen auch erbittert gegen die Missionierung. Insbesondere König Radbod, der über das großfriesische Reich herrschte, kämpfte gegen die Unterwerfung und Christianisierung. Erst nach seinem Tod im Jahre 719 n. Chr. unterlag der große Heidenstaat, die „Magna Frisia“, den Franken. Diese gingen mit aller Härte gegen die heidnischen Bräuche vor und töteten jeden, der sich nicht im christlichen Glauben taufen ließ. Sie zerstörten die kleinen Wälder mit ihren Heiligtümern, die „heilige Haine“ genannt wurden. Hier, im Schutz ihrer heiligen Bäume, hatten die Friesen einst ihren Göttern gehuldigt. Wo einst ihre Opferstätten lagen, entstanden nun die neuen Kirchen einer fremden Religion. Aus dem Holz der heiligen Bäume formten die Eroberer die neuen Bauwerke und errichteten sie direkt auf den heiligen Plätzen der Ahnen. Zwar begannen Rachefeldzüge gegen die Kirchen und Klöster, doch das Christentum konnte den alten Glauben, der in der germanischen Religion beheimatet war, nie ganz verdrängen.
Das große Ertrinken und der schwarze Tod
Schwere Sturmfluten erschwerten zudem das Leben an der Küste und forderten unzählige Todesopfer bei Mensch und Tier. Eine Flut sticht aus den geschichtlichen Aufzeichnungen besonders hervor: Die 2. Marcellus-Flut, benannt nach dem einstigen Bischof von Rom, brach mit großer Gewalt in das Land ein. Drei Tage dauerte die verheerende Flut, die als „das große Ertrinken“ in die Annalen der Geschichtsbücher eingegangen ist. Sie riss nicht nur wertvolles Land mit sich, sondern mehr als 100.000 Menschen fanden darin den Tod. Die darauffolgende Pestepidemie, im Volksmund auch „Schwarzer Tod“ genannt, ließ das Leid nicht abklingen. Ende des 14. Jahrhunderts dezimierte sie nochmals die Bevölkerung. Dass die Menschen es damals als eine Art „Zorn Gottes“ ansahen und mit der biblischen Sintflut verbanden, ist für mich vollkommen nachvollziehbar. Hungersnöte und der Verlust der gesellschaftlichen Ordnung waren die Folgen, woraus sich letztendlich das Häuptlingswesen in Ostfriesland entwickelte. Auf der Suche nach Normalität und Schutz legte die Bevölkerung ihre Hoffnung in die Hände der großen Landbesitzer und Bauern.
Die Wiege der friesischen Freiheit
Nach der Zeit der Wikinger konnte Ostfriesland seine Selbstständigkeit ausbauen. Während im übrigen Europa die Feudalherrschaft regierte, fanden sich hier an der Küste die ersten Grundsteine der Demokratie. Einmal im Jahr trafen sich die Abgesandten der einzelnen Sippen – die sogenannten Redjeven –, um gemeinsam Recht zu sprechen. Sie kamen immer an einem Dienstag in der Pfingstwoche am Upstalsboom zusammen. Heute ist dieser Grabhügel ein Denkmal und erinnert an den einstigen Versammlungsort. Die mündliche Überlieferung der friesischen Freiheit wurde 1493 von Kaiser Sigismund bestätigt und in einer Urkunde als rechtskräftig anerkannt. Sie liegt heute im niederländischen Institut für friesische Geschichte und Literatur in Leeuwarden. Heute hängt das „Eala Frya Fresena“ in meinem Hausflur. In Freiheit zu leben, ist immer noch unser höchstes Gut – und das beziehe ich beileibe nicht nur auf die Friesen!

