Die Muttersprache ist wie ein Baum
Ich saß im Wartezimmer meines Hausarztes in meiner neu gewählten Heimat in Bayern. Um mich herum fingen die anderen Patienten plötzlich an, sich angeregt zu unterhalten. In diesem Moment fühlte ich mich unendlich fremd, denn ich war der bayerischen Mundart einfach nicht mächtig. Als ich schließlich in das Gespräch einbezogen wurde, konnte ich nur antworten: „Es tut mir leid, ich verstehe Sie nicht, ich spreche nur Hochdeutsch.“ Ich kann gar nicht genau beschreiben, wie ich mich in diesem Augenblick gefühlt habe – irgendwie ausgeschlossen und bemitleidenswert, weil ich mich nicht einbringen konnte. Ich versuchte trotzdem tapfer zu lächeln, spürte aber, wie ich gemustert und begutachtet wurde. Dann fragte mich ein Mann aus der geselligen Runde heraus, woher ich denn käme. Ich antwortete stolz: „Ich bin Ostfriesin.“ „Oh“, sagte er daraufhin schmunzelnd, „a Preuß…“ und lachte freundlich.
Ich hingegen wünschte mich zurück in meine Heimat. Ich merkte plötzlich, wie sehr ich meine Muttersprache vermisste und die Art und Weise, Plattdeutsch und Hochdeutsch zu kombinieren. Ein ‚Moin‘, das früher selbstverständlich war, bekam eine neue Bedeutung. Plötzlich verstand ich, was der Junge damals empfunden haben musste, als der Schulalltag unseren neuen Lebensabschnitt diktierte.
„Der ernst des Lebens beginnt!“
Die Sommersonne zwängt sich durch die Fenster des roten Backsteingebäudes. Erhellt die menschenleeren Gänge, die sich, wie ein Labyrinth durch das Innere ziehen. An einer Stelle sieht es so aus, als würde ihr Strahl den glänzenden Boden berühren. Ihr flimmernder Schein, der einen kleinen Teil des Fußbodens erhellt, scheint sich an dieser Stelle mit ihm zu verbinden. Der Geruch von Bohnerwachs, der den Boden wie eine feine Haut überzieht, scheint den Glanz an dieser Stelle noch zu verstärken. Dann verschwindet das grelle Licht wieder, löst sich auf und kehrt an ihren Ursprung zurück. Es bleibt nur eine unendliche Stille, die sich in den langen Korridoren ausgedehnt hat. Wie im Märchen, von der schlafenden Prinzessin, scheint sie jeden Winkel des Gebäudes auszufüllen.
Wären da nicht zwei Krähen, die sich plötzlich lautstark mit ihrem Krächzen durch die Äste der alten Kastanie bewegen. Ihr Streitgespräch dringt durch ein geöffnetes Fenster herein und löst die Ruhe für einen Moment auf.
Plötzlich ertönt ein lautstarkes Signal. Es erfüllt nicht nur die langen Korridore sondern auch die Räume, die sich hinter den geschlossenen Türen verbergen. Selbst außerhalb des Gebäudes verteilt es sich noch einige hundert Meter weit. Es scheucht selbst die beiden Krähen heraus aus dem Baumwipfel. Lautstark scheinen sie ihren Unmut herauszuschreien. Sie drehen eine Runde und werfen ihre Schatten über das menschenleere Grundstück. So plötzlich wie es über die Ruhe hereinbrach, verstummt der schrille Ton wieder. Mit ihm verschwindet auch das Schattenspiel der schwarzen Vögel. Sie kehren zurück in den Schutz des grünen Blätterdaches, das die mächtigen Kastanie krönt. Für Sekunden breitet sich nochmal die Stille aus, doch sie ist trügerisch, wie die Ruhe vor dem Sturm.
Wie von unsichtbaren Händen werden plötzlich die Türen aufgestoßen. Sie fliegen förmlich in den Flur hinein. Ein Wirrwarr von Stimmen und Geräuschen dringt jetzt aus den geöffneten Räumen. Dann strömen sie heraus und füllen die Gänge der Grundschule. Es hat zur großen Pause geläutet und jeder scheint so schnell wie möglich den großen Schulhof erreichen zu wollen. Während einige Kinder noch im Klassenzimmer sind und ihr Pausenbrot aus dem Schulranzen fischen, ist eine Horde der Jungen bereits im Korridor verschwunden. Laut ist es geworden unter den Kinderfüßen, das von ihren Stimmen, Gelächter und Geschrei begleitet wird. Erst draußen auf dem Schulhof beginnt sich der Tumult zu entzerren.
Die schwere Eingangstür der kleinen Grundschule fällt mit einem lauten Rums ins Schloss. Langsam durchstreift die Stille wieder die Flure. Wie leergefegt zeigt sich nun der Ort des Wissens. Die Lautlosigkeit will gerade vollends zurückkehren, als schwere, kraftvolle Schritte sie daran hindern. Ein zielstrebiger Gang, der genau weiß wohin er zu gehen hat. Es ist der Hausmeister, der nun die Räumlichkeiten inspiziert, denn kein Kind darf sich während den Pausen im Gebäude aufhalten. Er beginnt, wie üblich, die großen Fenster zu öffnen. Mit dem Durchzug schwappt auch die Flut der Kinderstimmen zurück ins Gebäude. Doch plötzlich verstummen seine Schritte und ein lautes Gebrüll hallt durch den langen Flur. Wie ein Düsenjäger die Stille des Himmels zerreißt, so dröhnen nun seine Worte durch das Schulgebäude. Erschreckt bleiben sogar einige Kinder draußen stehen, verstummen und blicken ängstlich zu den geöffneten Fenstern. Es war der schweigsame Junge aus meiner Klasse, der das ganze Donnerwetter abbekam. Sein zaghafter Gang wird nun schneller und ängstlich, mit gesengtem Kopf huscht er an dem verärgerten Hausmeister vorbei.
Irgendwann sah ich ihn dann draußen an der Hausmauer stehen, allein abseits der spielenden Kinder.
Es waren vielleicht zwei Wochen vergangen, in der ich die Grundschule nun besuchte. Die Worte: “Nun beginnt der Ernst des Lebens!“ klangen mir noch in den Ohren und machten mir so deutlich, das ein neuer Lebensabschnitt begonnen hatte. Ich erinnere mich noch, wie Stolz ich war und mit meiner Schultüte in den Händen fieberte ich dem Abenteuer Schule entgegen.
Langsam hatte der Schulalltag das aufregende Neue abgelöst. Der schweigsame Junge saß noch immer alleine im hinteren Teil des Klassenzimmers. Außer dem morgendlichen:“Ja, hier!“, wenn der Lehrer unsere Namen zur Anwesenheit aufrief, blieb mir der Klang seiner Stimme verborgen. Zudem wirkte er immer ein wenig traurig und selbst wenn er angesprochen wurde, ging er wortlos an uns Kindern vorbei. Ein Tag ist mir jedoch in Erinnerung geblieben, indem sich das schweigsame Verhalten des Jungen erklärte. Der Lehrer vollzog wie üblich den Unterricht. Während wir mit schnipsenden Fingern, um die Aufmerksamkeit des Lehrers buhlten, weil wir die Antwort auf seine Frage wussten, nahm er dieses Mal den schweigsamen Jungen dran. Er antwortete nicht und schaute den Lehrer nur an. Dieser wurde langsam ärgerlich, weil er auch auf das Nachfragen keine Antwort erhielt. Noch mit dem Stück Kreide in der Hand schritt er durch die Klasse und baute sich vor dem Jungen auf. Nochmals forderte er den Jungen auf zu antworten, wobei seine Stimme nun fordernd und ungehalten wurde. Im Klassenraum herrschte beklemmendes Schweigen und ich spüre noch heute, wie mein Herzschlag in die Höhe stieg. Zum Glück war es mittlerweile verboten das die Lehrer die Kinder in den Schulen züchtigen durften, aber das Wissen darum, hatte sich in mein Herz gebohrt. Außerdem lag eines der Rohrstöcke immer oben auf der Tafel und hielt diese Zeit so am Leben. Der Junge saß an seinem Tisch , hatte immer noch den Kopf gesengt und wirkte wie ein Hase in der Falle. Der Lehrer ließ aber nicht von ihm ab und drohte mit einem Eintrag ins Klassenbuch. Plötzlich sprang der Junge auf. Er schoss hoch wie eine Rakete und blickte in das Gesicht der Lehrers. Die Traurigkeit aus seinen Augen war verschwunden. Wut und Hilflosigkeit waren an seine Stelle getreten, die sich in seinen Worten widerspiegelten:“ Ik kann jo doch nich verstahn!“ Dann schnappte er sich seine Schultasche und rannte aus dem Klassenzimmer. Ich weiß noch das Tränen an seinen Wangen herunter liefen , aber dann fehlen mir weitere Erinnerungen.
Wären da nicht zwei Krähen, die sich plötzlich lautstark mit ihrem Krächzen durch die Äste der alten Kastanie bewegen. Ihr Streitgespräch dringt durch ein geöffnetes Fenster herein und löst die Ruhe für einen Moment auf.
Plötzlich ertönt ein lautstarkes Signal. Es erfüllt nicht nur die langen Korridore sondern auch die Räume, die sich hinter den geschlossenen Türen verbergen. Selbst außerhalb des Gebäudes verteilt es sich noch einige hundert Meter weit. Es scheucht selbst die beiden Krähen heraus aus dem Baumwipfel. Lautstark scheinen sie ihren Unmut herauszuschreien. Sie drehen eine Runde und werfen ihre Schatten über das menschenleere Grundstück. So plötzlich wie es über die Ruhe hereinbrach, verstummt der schrille Ton wieder. Mit ihm verschwindet auch das Schattenspiel der schwarzen Vögel. Sie kehren zurück in den Schutz des grünen Blätterdaches, das die mächtigen Kastanie krönt. Für Sekunden breitet sich nochmal die Stille aus, doch sie ist trügerisch, wie die Ruhe vor dem Sturm.
Wie von unsichtbaren Händen werden plötzlich die Türen aufgestoßen. Sie fliegen förmlich in den Flur hinein. Ein Wirrwarr von Stimmen und Geräuschen dringt jetzt aus den geöffneten Räumen. Dann strömen sie heraus und füllen die Gänge der Grundschule. Es hat zur großen Pause geläutet und jeder scheint so schnell wie möglich den großen Schulhof erreichen zu wollen. Während einige Kinder noch im Klassenzimmer sind und ihr Pausenbrot aus dem Schulranzen fischen, ist eine Horde der Jungen bereits im Korridor verschwunden. Laut ist es geworden unter den Kinderfüßen, das von ihren Stimmen, Gelächter und Geschrei begleitet wird. Erst draußen auf dem Schulhof beginnt sich der Tumult zu entzerren.
Die schwere Eingangstür der kleinen Grundschule fällt mit einem lauten Rums ins Schloss. Langsam durchstreift die Stille wieder die Flure. Wie leergefegt zeigt sich nun der Ort des Wissens. Die Lautlosigkeit will gerade vollends zurückkehren, als schwere, kraftvolle Schritte sie daran hindern. Ein zielstrebiger Gang, der genau weiß wohin er zu gehen hat. Es ist der Hausmeister, der nun die Räumlichkeiten inspiziert, denn kein Kind darf sich während den Pausen im Gebäude aufhalten. Er beginnt, wie üblich, die großen Fenster zu öffnen. Mit dem Durchzug schwappt auch die Flut der Kinderstimmen zurück ins Gebäude. Doch plötzlich verstummen seine Schritte und ein lautes Gebrüll hallt durch den langen Flur. Wie ein Düsenjäger die Stille des Himmels zerreißt, so dröhnen nun seine Worte durch das Schulgebäude. Erschreckt bleiben sogar einige Kinder draußen stehen, verstummen und blicken ängstlich zu den geöffneten Fenstern. Es war der schweigsame Junge aus meiner Klasse, der das ganze Donnerwetter abbekam. Sein zaghafter Gang wird nun schneller und ängstlich, mit gesengtem Kopf huscht er an dem verärgerten Hausmeister vorbei.
Irgendwann sah ich ihn dann draußen an der Hausmauer stehen, allein abseits der spielenden Kinder.
Es waren vielleicht zwei Wochen vergangen, in der ich die Grundschule nun besuchte. Die Worte: “Nun beginnt der Ernst des Lebens!“ klangen mir noch in den Ohren und machten mir so deutlich, das ein neuer Lebensabschnitt begonnen hatte. Ich erinnere mich noch, wie Stolz ich war und mit meiner Schultüte in den Händen fieberte ich dem Abenteuer Schule entgegen.
Langsam hatte der Schulalltag das aufregende Neue abgelöst. Der schweigsame Junge saß noch immer alleine im hinteren Teil des Klassenzimmers. Außer dem morgendlichen:“Ja, hier!“, wenn der Lehrer unsere Namen zur Anwesenheit aufrief, blieb mir der Klang seiner Stimme verborgen. Zudem wirkte er immer ein wenig traurig und selbst wenn er angesprochen wurde, ging er wortlos an uns Kindern vorbei. Ein Tag ist mir jedoch in Erinnerung geblieben, indem sich das schweigsame Verhalten des Jungen erklärte. Der Lehrer vollzog wie üblich den Unterricht. Während wir mit schnipsenden Fingern, um die Aufmerksamkeit des Lehrers buhlten, weil wir die Antwort auf seine Frage wussten, nahm er dieses Mal den schweigsamen Jungen dran. Er antwortete nicht und schaute den Lehrer nur an. Dieser wurde langsam ärgerlich, weil er auch auf das Nachfragen keine Antwort erhielt. Noch mit dem Stück Kreide in der Hand schritt er durch die Klasse und baute sich vor dem Jungen auf. Nochmals forderte er den Jungen auf zu antworten, wobei seine Stimme nun fordernd und ungehalten wurde. Im Klassenraum herrschte beklemmendes Schweigen und ich spüre noch heute, wie mein Herzschlag in die Höhe stieg. Zum Glück war es mittlerweile verboten das die Lehrer die Kinder in den Schulen züchtigen durften, aber das Wissen darum, hatte sich in mein Herz gebohrt. Außerdem lag eines der Rohrstöcke immer oben auf der Tafel und hielt diese Zeit so am Leben. Der Junge saß an seinem Tisch , hatte immer noch den Kopf gesengt und wirkte wie ein Hase in der Falle. Der Lehrer ließ aber nicht von ihm ab und drohte mit einem Eintrag ins Klassenbuch. Plötzlich sprang der Junge auf. Er schoss hoch wie eine Rakete und blickte in das Gesicht der Lehrers. Die Traurigkeit aus seinen Augen war verschwunden. Wut und Hilflosigkeit waren an seine Stelle getreten, die sich in seinen Worten widerspiegelten:“ Ik kann jo doch nich verstahn!“ Dann schnappte er sich seine Schultasche und rannte aus dem Klassenzimmer. Ich weiß noch das Tränen an seinen Wangen herunter liefen , aber dann fehlen mir weitere Erinnerungen.
Ich erfuhr später, dass der Junge der Sohn eines Landwirtes war und in der Familie nur Plattdeutsch gesprochen wurde. Der Vater soll auch noch eine heftige Unterredung mit dem Rektor gehabt haben, aber im „Königreich Hochdeutsch“ gab es kaum noch Raum für unsere Muttersprache. „Ich kann euch doch nicht verstehen!“ Heute kann ich die Hilflosigkeit und Wut des Jungen vollkommen nachvollziehen.
Es macht mich neugierig, welchen Wert und welche Bedeutung die Sprache, in die wir hineingeboren wurden, für den Einzelnen oder ein ganzes Volk hat. Ich werde jetzt die Anker lichten und mich auf eine neue Reise begeben – eine Reise, die mich auch hinter den Horizont führen wird.
