Laternennacht
Ich sitze in der Küche, fernab meiner Heimat. Meine kleine Teekanne, die das gleiche Muster wie das Stövchen trägt, nimmt wieder Platz auf dem Ofen aus Porzellan. Ein knackendes Geräusch. Eine kleine Flamme schießt aus dem langen Röhrchen des Stabfeuerzeuges heraus. Sie sucht den Docht, der sich ihr im Herzen der Kerze entgegenstreckt. Einen Augenblick umschmeichelt das Feuer die kleine Zündschnur. Dann sind sie vereint, und es scheint, als würden sie gemeinsam tanzen. In der Zeit, in in welcher der Tee noch ein wenig zieht, schließe ich die Außenjalousie. Die letzten Sonnenstrahlen vermischen sich draußen bereits mit der kommenden Dunkelheit. Während nun der erste heiße Tee in meine Tasse fließt, zieht mich die kleine Kerze in ihren Bann. Heute ist der 10. November, und das warme Licht weckt in mir die Erinnerung an eine Zeit, an die ich mit Freude zurückdenke. Wie ein zarter Hauch aus der Vergangenheit legt sich ihr Schein auf meine Hände, und plötzlich spüre ich den hölzernen Stab, wie meine Finger ihn fest umschlingen. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht. Ich sehe noch den Laternenstock vor mir, der fest in meiner Faust steckte – und manchmal musste die zweite Hand ihr zu Hilfe kommen, um das Gewicht der Laterne am Ende des Steckens halten zu können. Mittendrin die kleine Kerze. In deren Schein zogen wir Kinder aus und trugen ihr Licht von Haus zu Haus. Wir konnten es kaum abwarten bis die Kirchturmuhr fünmal schlug. Wie auf ein geheimes Zeichen füllten sich die Strassen mit buntem Leben. Achtsam trug ich meine Laterne vor mir her. Wie eine kleine Sonne, die im Zentrum des Universums steht, leuchtete sie mir meinen Weg, Als wären kleine Sterne vom Himmel gefallen tanzten die Laternen durch die kühlen dunklen Straßen unseres Dorfes. Die Kälte hatte sich mit dem Schwarz der herannahenden Nacht zusammengetan. Doch auch sie konnte uns Kinder nicht davon abhalten, an den Haustüren zu klingeln und unsere Lieder zu singen. Warme Luft strömte aus den Häusern und legte sich auf unsere Gesichter. Manchmal durften wir auch in den Hausfluren singen und genossen den Mantel aus Herzlichkeit und molliger Ofenluft. Unsere Taschen füllten sich mit Äpfeln, Nüssen und allerlei süßer Nascherei. Irgendwann wurde es leise in den Straßen, und auch ich kehrte in mein Elternhaus zurück. Mitten im Wohnzimmer wurde die Tasche geleert. Ich setzte mich auf den Teppich und sortierte die wundervollen Gaben. Und eines weiß ich noch ganz genau: dass meine Augen voller Stolz und Freude leuchteten, als dieser Abend verklang.
