Van Wattlüü un Indioners
En Oostfrees vertellt- eine Ostfriesin erzählt- An East Frisian tells


Die Geschichte der Freiheit

Vor einigen Jahren zog ich von Ostfriesland nach Bayern. Doch das Land, in dem ich geboren wurde, blieb wie ein stiller Ruf in meinem Herzen. Warum wollte dieses Gefühl nicht gehen und hielt mich davon ab, meinen Neuanfang in Bayern zu genießen? Ich hatte doch selbst die Entscheidung getroffen, meine Heimat zu verlassen, um mein Enkelkind aufwachsen zu sehen. Warum wollte sich einfach das Glücklichsein nicht einstellen? Als ich an diesem Morgen wieder aus dem Fenster schaute, in eine Landschaft, die mir fremd war, bekam die Schwere einen Namen. Ist das Heimweh, was ich empfand? Ich wollte diesen Gedanken sofort wieder wegwischen, doch die Frage, was Heimat eigentlich ist, ließ sich nicht mehr verdrängen. So setzte ich mich an den Laptop. Die Schwere in meinem Herzen schien verschwunden, aber dafür machte sich Ratlosigkeit breit. Wo sollte ich meine Suche beginnen? Eine geraume Zeit saß ich so da und starrte auf den Bildschirm. Dann fiel mein Blick auf meine Hände und plötzlich wusste ich, wo meine Reise durch Raum und Zeit beginnt.


Eine Erinnerung kehrt plötzlich zurück. Ich saß, wie so oft, bei meiner Großmutter auf dem Sofa, als sie begann, mir eine ganz besondere Geschichte zu erzählen...

Es war Samstag und einer dieser ruhigen Regentage im Sommer. Die Luft war mild und es schien, als hätten sich die Tropfen zu feinen Fäden zusammengeschlossen, um Himmel und Erde zu verbinden. „Erzählst du mir von dem Volk am Meer?“, fragte ich sie. Vor einigen Tagen hatte sie mir versprochen, mir eine ganz besondere Geschichte zu erzählen, und so schaute ich sie mit erwartungsvollen Augen an. Sie legte das Buch aus ihren Händen. Es ruhte nun aufgeschlagen auf dem runden Wohnzimmertisch, auf dem eine helle Tischdecke mit einem selbst bestickten Muster lag. Mein Blick fiel auf das Lese Werk. Anhand der Gestaltung der Seiten konnte ich erkennen, dass meine Oma in der alten Familienbibel gelesen hatte. Ein Kalenderblatt steckte zwischen den aufgeschlagenen Seiten. Meine Großmutter war eine gläubige Frau, trug es aber nicht nach außen, sondern empfand es als etwas Eigenes – eine ganz private Verbindung zu Gott. So gestand sie mir schon als Kind zu, meinen eigenen Gedanken nachzugehen, um mir mein eigenes Weltbild zu erschaffen. Wortlos schlug sie dann die Bibel behutsam zu und setze ihre Brille ab. Sie lächelte und begann in meiner Muttersprache zu erzählen.


„Einst lebte ein Volk am Meer“, begann sie. „Sie lebten in Frieden miteinander und von dem, was die Natur und das Meer ihnen bot. Nur selten fanden Fremde zu ihnen, denn nicht nur das Meer, sondern auch weite Moore umgeben das Land. Jeder, der vom rechten Weg abkam, wurde verschlungen und verschwand auf alle Zeit im schwarzen Morast. Zudem sprachen sie eine andere Sprache, die sich vom Rest der Welt unterschied, und so lebten sie die meiste Zeit unter Ihresgleichen. Es war ein fleißiges Volk, das zudem den Worten des Allmächtigen zugetan war! “Meinst du Gott?“, fragte ich dazwischen. Meine Großmutter schaute zu mir: „Einige nennen ihn Gott, für andere ist es der Messias oder der Schöpfer. Der Allmächtige hat viele Namen und vielerlei Gestalt.“ Dann erzählte sie weiter: Es war ein hartes Leben, das diese Menschen führten. Oft fegten Stürme über das flache Land und brachten das Meer mit sich. Trotz dieser Gefahr für Mensch und Tier blieben sie dem Land treu und lernten, mit der rauen Wildheit im Einklang zu leben. In den langen Winternächten brannten die Feuer in den einfachen Hütten. Gefüttert mit dem Torf, den sie im Sommer aus den Mooren stachen, schützten sie nun die Menschen vor dem kalten Hauch des Frostes. Erbarmungslos legte sich dieser über das weite Land und oft verbündete er sich mit den Stürmen des Meeres. So blieben die Menschen in ihren Hütten, lebten von den Vorräten, die sie sorgsam hüteten, und erzählten sich Geschichten – geboren aus dem Leben am Meer. Im Schein des Lichtes, das die lodernden Flammen auf die Gesichter malte, sah man das Leuchten der Kinderaugen, die den Worten am Feuer lauschten. Auch Neptun hatte Gefallen gefunden an den Menschen, die am Rande seines Reiches lebten. Oft ritt er auf den Schaumkronen des Meeres und beobachtete das Treiben des kleinen Volkes. Die Menschen hatten gelernt, einfache Netze zu fertigen, mit denen sie am Rande der endlosen See fischen gingen. Bis zur Brust hinein standen die Männer in den Fluten und nahmen sich nur so viel aus dem Meer, wie sie brauchten, um ihre Familien zu versorgen. Bevor sie jedoch das salzige Nass berührten, gedachten sie auch des Königs des Meeres, dessen Reich in den endlosen Tiefen verborgen lag. Sie baten um seinen Schutz und einen guten Fang, bevor die Netze im kühlen Wasser verschwanden. Das gefiel Neptun so gut, dass er sich mit dem Allmächtigen besprach, und so bekamen sie die Gabe, Boote zu bauen.

Fortan fuhren sie hinaus auf die weite See, um dort ihre Netze auszuwerfen, und wurden reich belohnt. Sie folgten mit ihren Schiffen den Möwen, die ihnen die besten Fangplätze zeigten. Doch dort, wo das Meer anfing, in die unendliche Tiefe zu gehen, blieben sie fern. Denn dort in der Dunkelheit war Neptuns Reich und niemand sollte ihn dort stören. Auf keinen Fall wollten sie den Zorn des Meereskönigs heraufbeschwören, der sonst die riesigen Ungeheuer ausschickte, um die Seeleute in die Finsternis zu ziehen. Das war das Gebot des Meeres und die Menschen folgten ihm. Das Volk am Meer lernte mit den Gezeiten zu leben und ertrug Neptuns Launen, wenn er wieder einmal das Wasser ins Land schickte. Die Menschen bauten jetzt ihre Häuser auf Anhöhen, die sie Warften nannten, und Deiche schützten fortan das Land vor den Überschwemmungen. Die Jahre vergingen und immer öfter kamen auch Fremde in das kleine Land am Meer – und einige wollten sie sogar zu Untertanen machen. Selbst durch Neptuns Reich kamen mächtige Schiffe und wollten das Land erobern. Die Worte meiner Großmutter verstummten plötzlich. Sie setzte ihre Brille auf und nahm ihre Bibel wieder zur Hand. „Oma, die Geschichte ist doch noch nicht zu Ende!“, polterte es aus mir heraus. Doch meine Oma ging auf meine Bitte, weiterzuerzählen, nicht ein. „Manchmal muss man sich in Geduld üben“, sagte sie, schlug ihre Bibel auf und begann wieder zu lesen....



Das Vermächtnis der alten Friesen