Mein erster PowWow Besuch
Noch schien die Sonne. Es war warm, doch die ersten dunklen Wolken schoben sich bereits über die Westernstadt. Wir liefen an diesem frühen Nachmittag die Mainstreet entlang, hoch zur Showarena, wo gerade die 'indianischen Tänzer' vorgestellt wurden. Zuerst hatten wir uns einen Platz außerhalb der Halle gesucht und saßen auf den breiten Stufen, die mich ein wenig an einen Thingplatz erinnerten. Von hier oben hatten wir einen guten Überblick, um uns die Veranstaltung anzusehen.
Der Tänzer von der Navajo-Nation trat auf die hölzerne Tanzfläche und legte ein paar Reifen aus. Diese erinnerten mich sogleich an die Hula-Hoop-Reifen, die ich als Kind um meine Hüften kreisen ließ. Musik aus einer mir fremden Kultur und Sprache ertönte aus den Lautsprechern. In seiner Tracht begann er nun zu tanzen und die runden Plastikringe verschmolzen mit seiner Darbietung. Immer wieder kreierte er neue Symbole damit, ohne seinen Tanz in irgendeiner Form zu unterbrechen. Wie zu einer Geschichte schienen sie sich so in dem Hoop Dance zu vereinen.
Dann spürte ich etwas Kaltes auf meiner Hand. Mein Blick wanderte nach oben zum Himmel und der nächste Regentropfen traf mein Gesicht. Ich nahm meine Enkeltochter an die Hand, wir rannten zum Eingang der Arena und entkamen gerade noch dem Wolkenbruch, der auf die Westernstadt niederprasselte.
Weitere Tänzer traten hier auf und gaben uns so einen kleinen Einblick in das bevorstehende PowWow am frühen Abend. Nach den Vorführungen versuchten wir die Stunden bis dahin zu überbrücken. Immer wieder kamen heftige Regenschauer herunter und drückten etwas auf meine Stimmung. Endlich war es dann so weit. Am frühen Abend kehrten wir zurück zur Showarena, in der das PowWow stattfinden sollte.
(2019)
Irgendetwas hielt mich jedoch davon ab, in die Veranstaltungshalle hineinzugehen, und so stellten wir uns in den überdachten Außenbereich. Von hier aus hatten wir einen guten Platz, um die Veranstaltung zu verfolgen.
Ich sah einen Mann in 'indigener Kleidung', der die Tanzfläche betrat. Er hielt eine Schale in der Hand und verteilte den Rauch mit einem Federfächer. Die grau-weißen Schwaden begleiteten ihn, während er den hölzernen Boden abschritt und ab räucherte. Schnell verbreitete sich der Qualm wie feiner Nebel in der Halle und schien alles sanft zu berühren. Bevor er sich auflöste und mit dem Nichts um uns herum verschmolz, stieg der Geruch des Süßgrases auch in meine Nase. Plötzlich war ein vertrautes Gefühl in mir und ich horchte in mich hinein. Für einen Augenblick war ich verbunden mit einer Erinnerung aus meiner Kindheit. Ich sah die kleine Holzpfeife vor mir, in die wir Kinder getrocknetes Gras gestopft hatten. Wir zündeten das Heu an, der weiße Rauch stieg empor und glich dem Aroma des Sweetgrases, welches jetzt über dem PowWow lag. Für einen Moment war ich einer Zeit ganz nahe, welche schon in Vergessenheit geraten war.
Die Stimme des deutschen Sprechers zog meine Aufmerksamkeit wieder auf das Geschehen. Ich sah die vielen unterschiedlichen Menschen, von denen sich manche, auch von der Kleidung her, der indigenen Kulturveranstaltung angepasst hatten. Einige von ihnen begannen sich dann aufzustellen und bildeten eine Menschenreihe, an deren Spitze der junge Mann der Sioux stand. Er trug eine mit Adlerfedern geschmückte Fahne in den Händen – den Eagle Staff.
"Oma, wir müssen auch tanzen," forderte meine Enkelin mich auf und zog behutsam an meiner Hand. Da hatte sie mich eiskalt erwischt. Unbehagen breitete sich in mir aus und so suchte ich nach Ausreden. Ich spürte eine Hemmschwelle in mir und versuchte, mich wie ein Aal herauszuwinden. Als ich jedoch in ihre Augen sah, die vor Aufregung strahlten, hatte ich bereits verloren. Zudem wollte ich ein PowWow miterleben – und miterleben kann ich etwas nur, wenn ich Teil des Ganzen werde. So machten wir uns auf in die Halle, mischten uns unter die Menschen und suchten uns einen Platz am Rande des Geschehens. Als wir ankamen, wurde die Tanzfläche gerade wieder geräumt, um Platz für die bevorstehenden Auftritte zu machen. Durch den Lautsprecher tönte die Stimme des Redners, der durch die Veranstaltung führte. Der erste Tänzer wurde angesagt, untermalt mit einer kurzen Information zur Tracht und Bedeutung des Tanzes.
Der Tänzer von der Navajo-Nation trat auf die hölzerne Tanzfläche. Es war der Mann, dem wir am Vormittag bereits unter dem Vordach der Arena zugeschaut hatten. Er war ein erfahrener Tänzer, schätzungsweise um die fünfzig Jahre alt, und legte ein paar Reifen aus. Musik und Gesang, die ihm vertraut waren, ertönten abermals aus den Lautsprechern. In seiner Tracht begann er nun zu tanzen und die runden Plastikringe verschmolzen mit seiner Darbietung. Immer wieder kreierte er neue Symbole damit, ohne seinen Tanz in irgendeiner Form zu unterbrechen. Wie zu einer Geschichte schienen sie sich so in dem Hoop Dance zu vereinen. Weiter beeindruckende Regalias und Tänze ließen mich nun teilhaben an einer Kultur, die uns so fremd ist und doch vertraut scheint. Einige Vorführungen wurden auch von Nicht-Natives getanzt, um den Zuschauern so einen Eindruck von der Vielfältigkeit der verschiedenen PowWow-Tänze und Trachten zu geben.
Zwischen den Auftritten kam wieder ein „Intertribal“ und diesmal betraten auch wir die Tanzfläche. Die kleine Kinderhand schob sich in meine, ich spürte den leichten Druck, so als biete sie uns Vertrauen und Sicherheit, als wir in die Menschenmasse hinein tauchten. Für einige Augenblicke verharrten wir noch auf dem hölzernen Tanzboden; schauten uns um, beobachteten alles, wie in einer Momentaufnahme, die jedes Detail einfangen möchte. Dann begannen auch meine Füße sich zu bewegen und folgten der Einladung der fremden Klänge. Im Rhythmus der Trommel und des Gesanges verschmolzen wir mit den Tanzenden.
Eine bunt gemischte Menschengruppe bewegte sich gemeinsam zu den Trommelschlägen. In diesem Moment schien es egal zu sein, woher du kommst, ob Mann ob Frau, mit Handicap oder welche Farbe deine Haut hat. Mittendrin die PowWow Tänzer aus Amerika, deren Bewegungen und Fremdartigkeit die Menschen durchflossen und zum Tanz vereinten. Sie ließen uns teilhaben an ihrer Kultur die uns vertraut scheint und doch so weit weg ist, von dem, was unser Leben bestimmt und geprägt hat.
Plötzlich merkte ich, wie sich der Druck in meiner Hand verstärkte. Der Tänzer der Sioux tanzte ausdrucksvoll direkt neben uns. Er überragte uns um einige Kopflängen und schien völlig mit seinen Bewegungen verbunden zu sein. Seine Regalia vervollständigte dieses beeindruckende Bild. Plötzlich stieß er einen lauten Schrei aus und wir zuckten automatisch zusammen. Aus dem erstaunten Schreck wurde dann ein Lächeln was mit einem :„Wauh, cool“, seitens meiner Enkelin, noch begleitet wurde. Ich selber war noch ganz mit dieser Szenerie beschäftigt, als der traditionelle Tänzer der Zuni/Omaha neben uns war. Auch er schien völlig eins mit seinen Bewegungen zu sein. Sein Gesicht war bemalt und trotz der lauten Musik, hörten wir die kleinen Glöckchen, die seine Tracht zierten. Im Rhythmus der Trommeln zog er an uns vorbei. Plötzlich blieb meine Enkeltochter stehen und schaute dem Tänzer nach. Sie schien alles genau zu beobachten. Dann setzte sich der kleine Körper wieder in Bewegung mit der Bemühung ihre Tanzschritte dem des PowWow Tänzers anzugleichen.
Wer einen Native American tanzen sieht, spürt diese Verbundenheit mit seiner Kultur. Diese Menschen tanzen nicht nur, sie sind der Tanz. Sie scheinen eins mit jeder Bewegung und mit jedem Teil ihrer Regalia. Ihre Musik durchfließt ihren Körper, sie verschmelzen, erwecken und bewahren darin die Seele ihres Volkes und ihrer Kultur. Diesen Eindruck hat es zumindest bei mir hinterlassen.
Alle diese Menschen hatte es an diesem Abend hier her gezogen. Jeder war gekommen mit seiner ganz eigenen Geschichte, Gedanken und Intuition. Jeder wird diese Arena wieder verlassen mit seinen individuellen Eindrücken, Bilder und Emotionen. Einige werden schnell zurückkehren in ihren Alltag. Die Erinnerungen werden verblassen. Einige werden aber auch diesen kleinen Einblick in die Kultur der Native Americans, vielleicht als einen neuen Stein mitnehmen, bemalt mit einer bunten Erinnerung, der den eigenen Lebensweg bereichert.
Das Tanzfest hat bei meiner Enkeltochter eine bleibende Erinnerung hinterlassen. In ihrem kindlichen Spiel setzt sie sich mit diesem besonderen Erlebnis auseinander und verarbeitet ihre Eindrücke. Als sie anfing mir viele Fragen zu stellen und ich diese nicht beantworten konnte, wurde mir bewusst, wie wenig ich von den Kulturen, Geschichte und den Traditionen der Native Americans weiß.



