Brombeer-Nostagie
Wie jeden Morgen laufen der Leo und ich unsere erste Runde. Seit ich die kleine Fellnase habe, beginnt der Tag in einem neuen Rhythmus. Es ist noch früh, und statt einer Tasse Tee wartet nun die frische Morgenluft auf mich. Ein leichter Sommerwind tanzt durch das grüne Blätterdach der Bäume, die die kleine Straße säumen. Während mein kleiner Spitzmischling seine „Zeitung“ liest, fliegt mein Blick über die Natur, die uns umgibt. Dann bleibe ich stehen.
Ein paar Beeren erwecken meine Aufmerksamkeit. Die schwarzen Früchte glänzen in der noch kühlen Sommersonne und wecken eine Erinnerung in mir.
Ich muss plötzlich lächeln und sehe das Gesicht meiner Freundin vor mir, wie sie mit strahlenden Augen nach den Früchten greift. Unsere kleinen Sandeimer wurden zweckentfremdet und füllten sich langsam mit den dunklen Beerenfrüchten. „Hinderike, schau nur, da oben, die müssen wir haben!“ Und schon wurde der Busch von ihr geentert. Nur mit Shorts und Kniestrümpfen bekleidet, schoben wir unsere Beine immer tiefer ins Gebüsch. Begleitet von einem „Aua“ und ein paar Ausdrücken, die ich an dieser Stelle nicht einbringen möchte, drangen wir tiefer und tiefer in das Buschwerk hinein. „Ich hab sie gleich. Halt mich fest!“ Wie mit eisernen Zangen umschlossen meine Arme ihren Bauch. Die waghalsige Aktion wurde belohnt und immer mehr der wertvollen Beeren landeten in den kleinen Eimern. Mit dem Henkel im Mund reckte und streckte sie sich immer weiter in das stachelige Ungetüm. „Da hinten sind noch welche!“ Und schon ließ sie sich noch weiter nach vorne fallen. Wie zwei Stuntfrauen hingen wir im Gestrüpp und dann … war sie plötzlich verschwunden.
Ich versuchte noch nachzugreifen und wäre fast selber mit ihr in die Tiefe gestürzt. Gerade noch fand ich das Gleichgewicht wieder, um nicht mit ihr herunterzufallen. „Sind noch alle da?“, hörte ich sie mit leicht schmerzverzerrter Stimme sagen. Sie hatte noch immer den Henkel im Mund und lugte zwischen dem dornigen Buschwerk hervor. Ich reichte ihr die Hand, um sie aus der prekären Situation zu befreien, aber wie bei Dornröschen ließ das hartnäckige Gestrüpp nichts aus seinen Fängen. Die stacheligen Zweige bohrten sich mit jeder Bewegung weiter in ihre Haut. „Mist Graben“, hörte ich sie schimpfen, während ich ihren Eimer entgegennahm. Zum Glück waren wir nicht weit von unserer Wohnsiedlung entfernt, und so schwang ich mich auf mein kleines rotes Fahrrad, um Hilfe zu holen. Ich sah aus der Ferne schon ihren Vater an der Straße stehen, der in eine nachbarschaftliche Unterhaltung vertieft war. Wie ein roter Blitz raste ich auf ihn zu.
„Onkel Mannus, Onkel Mannus!“ Mein Schreien hallte durch die Straßen. Außer Atem erzählte ich von unserem Missgeschick, und sofort radelten wir zusammen zum Unglücksort. Auch der Nachbar hatte sich der Rettungsaktion angeschlossen. Bewaffnet mit Heckenschere und Beil erreichten wir meine Freundin. Ich muss eingestehen, dass die Männer sich ein Lachen nicht verkneifen konnten, als sie begannen, die Beerenliebhaberin aus den Dornen zu befreien.Mit zerkratzten Armen und Beinen stand sie dann wieder sicher am Straßenrand. Ein paar Zweigenreste hatten sich wie Kletten in ihrem blonden Haar verzwirbelt, und an einigen Stellen liefen kleine Blutstropfen aus den zugefügten Wunden. „Mist Graben“, sagte sie, umarmte ihren Vater und bedankte sich bei den Männern. Dann drehte sie sich um und begann wieder, die Brombeeren vom Strauch zu pflücken. Ich tat es ihr gleich, und diesmal waren wir auf der Hut.
Was nicht hieß, dass Wagemut und Angst uns davon abhielten, den Kampf um die schönsten Früchte gegen das Stachelmonster aufzunehmen.
So kühn wie damals bin ich heute nicht gewesen, aber eine kleine Schale der schwarzen Köstlichkeiten steht nun in meiner Küche. Mit ein wenig Dattelsirup und Honig blubbern sie nun im Topf vor sich hin. Ihr Saft wird heute das Highlight für meinen Vanillepudding werden.
Und dann wird ein wenig von der Brombeernostalgie über meinen süßen Nachtisch fließen.




